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„Herr Ministerpräsident, es ist Zeit für den Bunker ...“ PDF Drucken E-Mail
Sonntag, 13. Juli 2008

Drehbuch (Ost) für die ersten norddeutschen Tage des 3. Weltkrieges

Oben Schule, unten Bunker. Im kleinen Ort Lindewitt wäre der Ministerpräsident Schleswig-Holsteins im Kriegsfall unter der Grund- und Hauptschule „Am Wald“ verschwunden.

In Zusammenarbeit mit den Vereinen „unter Hamburg“ und „unter Schleswig-Holstein“ ist in Auswertung geheimer Akten aus dem Militärarchiv Warschau und dem Bundesarchiv Koblenz ein komplexes Bild entstanden: Das Szenario der ersten drei Tage des 3. Weltkrieges, wie es die Drehbücher des Warschauer Paktes zeichneten. Kriegsschauplatz ist der norddeutsche Raum zwischen der innerdeutschen und der dänischen Grenze. Im oberen Zipfel Deutschlands lag im kleinen Dorf Lindewitt der Bunker des Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein. 15 Jahre nach seiner Schließung 1993 stimmte das Innenministerium Schleswig-Holsteins jetzt einer erstmaligen Öffnung für zivile Besucher zu.

In die Aufarbeitung dieses Kapitels unter www.ausweichsitz.de bringt sich auch der im Ministerium zuständige Katastrophenschützer Thorsten Lissek ein, der bei einer Vorabbegehung der unterirdischen Anlage fotografierte (Foto-Galerie „Ausweichsitz der Landesregierung Schleswig-Holstein“).

Im Kriegsfall hätten sich der Bunker als Verteidigungsbauwerk und die Angriffspläne des Ostens gegenüber gestanden – grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Brisant ist diese Konstellation, die sich am Ausweichsitz des Landesregierung Schleswig-Holstein besonders gut beschreiben lässt, deshalb, weil eingeweihte Kreise des Ostens immer wieder beteuerten, der Warschauer Pakt hätte keine eigene Offensivplanung gehabt, sondern seine militärische Aufgabe ausschließlich in der Abwehr eines NATO-Angriffs gesehen.

Doch Geheimunterlagen aus dem Archiv des polnischen Verteidigungsministeriums zeichnen ein ganz anderes Bild: Mit hoher Geschwindigkeit sollten die Truppen des Warschauer Paktes Westdeutschland überrennen, inklusive Atomwaffeneinsatz, und – hier die polnischen Verbände - nach drei Tagen an der holländischen Grenze stehen. Mit angenommenen 90 Kilometern pro Tag hätte man selbst das deutsche Blitzkrieg-Tempo des 2. Weltkrieges locker abgehängt. Für Schleswig-Holstein sah das so aus ...

Übernachten am Plöner See

Am Abend des ersten Kriegstages steht die Front am Südufer des Großen Plöner Sees. Bis zur Landeshauptstadt Kiel sind es für die polnischen Verbände nur noch 30 Kilometer. Mehr als doppelt soweit, 65 Kilometer, hat man sich von der innerdeutschen Grenze Richtung Norden zu Beginn dieses 3. Weltkrieges gearbeitet – nicht gerade ein Rekordwert, denn weiter westlich sind die Armeekollegen bereits an Hamburg vorbei und haben Heidenau erreicht. Auf dem Weg dahin hat man gerade Rosengarten überrannt – ironischerweise hält das norddeutsche Kriegsgebiet hier neben der Autobahn A1 einen Namensvetter jenes geheimen Regierungsbunkers an der Ahr parat.

In der Ferne über Bremen steigt ein Atompilz auf. Wie auch über Bremerhaven, Cuxhaven, Wilhelmshaven und Emden. Eine „Sonderbehandlung“ für die massiv flüchtende deutsche Bevölkerung und die NATO-Truppen, der sich am nächsten Tag auch die Vorauskräfte der 5. polnischen Panzerdivision stellen müssen. Die Einheit wird erst Bremen nehmen, dann südlich von Emden auch den Auswirkungen einer weiteren Atomwaffe ausgesetzt. Kämpfen bis zum Umfallen heißt dann die Devise – ein (atomares) Schicksal, das die Truppen am Südufer des Großen Plöner Sees unterhalb Kiels nicht teilen werden. Auf ihrem Weg Richtung Norden ist kein Kernwaffeneinsatz vorgesehn – noch nicht. Und auch das Vorstoßtempo bleibt eher gemächlich. Am 2. Kriegstag sollen es 60 Kilometer sein. Verglichen mit dem Aufmarschtempo an allen weiteren Frontabschnitten von 90 Kilometern pro Tag ein bummelnder Sektor, der allerdings Hunderttausende deutscher Zivilisten vor sich herschiebt, die taktisch klug nicht in die Hauptkampfgebiete im Westen flüchten, sondern Richtung Dänemark.

Am dritten Kriegstag werden dann die Kräfte der 20. polnischen Panzerdivision im Westen und die der 16. Panzerdivision östlich am beschaulichen Ort Lindewitt vorbeiziehen. Das Dorf liegt wenige Kilometer entfernt von der dänischen Grenze und ist jetzt irgendwie Ersatzlandeshauptstadt – auch wenn das niemand weiß. Hierher hat sich bereits vor vier Tagen Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg mit seiner Landesregierung abgesetzt und ist nun Untermieter der „Schule am Wald“. Oberirdisch ist in dem wenig prachtvollen Backsteinbau aus den 60er Jahren Ruhe eingekehrt, denn unterrichtet wird hier seit Kriegsbeginn niemand mehr. Einige Klassenzimmer und die Mensa sind als erweitertes Lagezentrum eingerichtet für die Zwecke der Landesregierung, doch mit der näher rückenden Front hat man sich in den Keller zurück gezogen. Hier sitzt sie nun, die Kieler Spitze, und hält ihren Posten.

Unscheinbarer Nebeneingang in die unterirdische Trutzburg der Landesspitze über einen von zwei Zugängen. Es erinnert mit dem Zugang (über eine Garage) an den Ausweichsitz Nordrhein-Westfalen, mit der Wahl der Schule als Dach über dem Kopf an den Ausweichsitz Rheinland-Pfalz.

Es soll ein geordneter Kriegsverlauf sichergestellt werden. Dafür ist man unter anderem auf Informationen aus dem zuständigen – ebenfalls verbunkerten - Warnamt I in Hohenweststedt angewiesen. Doch das ist bereits in den Morgenstunden des zweiten Kriegstages von den Warschauer-Vertrags-Truppen geknackt worden, die gut vorbereitet genau wussten, wie das geht. Funkstille auf diesem Kanal. Und auch die nachgeordneten Leitmessstellen 11, 12 und 13 des Warndienstes in Hohenweststedt, Schleswig und Schönböken sind in Feindeshand. Die Fernmeldeverbindungen in den Rest des Landes erinnern in Qualität und Quantität eher an die Jahre ihrer Erfindung. Dort, wo über den Hauptknotenpunkten Atomwaffen eingesetzt wurden, hat der elektro-magnetische Impuls mit seinen enormen Überspannungswerten alles schachmatt gesetzt.

So verlässt sich die Mannschaft um Regierungschef Stoltenberg in erster Linie auf die Nachrichten aus dem Radio. Ganz nach Plan wurden die Frequenzen der Sender verändert, um das Anpeilen für Feindflieger zu erschweren. Der versiegelte Umschlag, zu dessen Unterlagen auch Informationen über neue Frequenzbänder zählen, wurde vorschriftsmäßig geöffnet. Nun arbeitet man nach den Vorgaben des Bundesinnenministeriums und ackert die Kennziffernpläne durch, allesamt entstanden in Angleichung an das Muster aus Bonn mit der Unterschrift von General a.D. Theodor Busse und seinen Mitarbeitern im Organisationsstab der Abteilung VII. Die hatten sich in den Jahren zuvor mit mehreren Hospitationen, Einweisungen und persönlichen Gesprächen viel Mühe gegeben, dass in einem Fall wie jetzt jeder Handgriff der Kieler in Lindewitt sitzt. Gerade Schleswig-Holstein lag ihnen so am Herzen, und in Malente hatte man sich in hochkarätigem Kreise eingefunden – inklusive General a.D. Busse, der eigentlich solchen Reisen taktisch aus dem Weg ging.

Einzig ein Problem bleibt nun: Der Warschauer Pakt geht wesentlich zielorientierter durch bundesdeutsches Gebiet wie auch beim Atomwaffeneinsatz vor. Für die Bunkerinsassen unter der „Schule am Wald“ wird es Gewissheit: In wenigen Stunden werden sie gefangen genommen – es sei denn, man schließt sich der flüchtenden Bevölkerung Richtung Dänemark an ...

Die Bunkertore öffnen sich

Die gleiche Schule in Lindewitt Anfang Juni 2008. Unbeschädigt und etwas muffig riechend, öffnet sich die unheimliche, unterirdische Bühne des Weltkriegsszenarios aus den 70er Jahren den ersten zivilen Besuchern. Der Verein „Unter Hamburg“ hatte zuvor beim Landesinnenministerium nach der Möglichkeit gefragt, diese geheime Welt der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, und auf einfachem, unkompliziertem Weg eine Zusage erhalten.

So verschwindet nun das Volk hinter einer unscheinbaren Tür am Rande des Schulhofes und marschiert die 14 Treppen Richtung „Ausweichsitz der Landesregierung Schleswig-Holstein“ hinunter.

Übersichtsplan des Ausweichsitzes Schleswig-Holstein: Links Arbeiten, rechts Wohnen. Dem Ministerpräsidenten war das Zimmer mit der Nummer 36 reserviert (Mitte unten).

Fast auf den Tag genau zwei Jahre zuvor hatte das polnische Verteidigungsministerium bis dahin geheime Unterlagen mit Aufmarschplänen und Kernwaffenzielgebieten freigegeben, die in der Addition das Weltkriegs-Szenario für diesen Flecken Erde ganz im Norden der Bundesrepublik beschreiben – so, wie man sich das beim Warschauer Pakt vorstellte (wie in der Einleitung beschrieben). Ein letzter Hauch des Kalten Krieges, der schließlich immer noch schaudern lässt: der 3. Weltkrieg war gut durchorganisiert – in Ost wie West. Dazu zählte auch die Evakuierung der Landesregierungen in ihre verbunkerten Ausweichsitze (beschrieben unter www.ausweichsitz.de, „Exklusiv“).

Hinter der Schleuse, Richtung Unterkunft des Ministerpräsidenten: Mit Leuchtfarbe markierter Gang, der auch bei einem totalen Stromausfall noch rund 10 Minuten den Insassen den Weg über die Flure Richtung Ausgang weist.

Schleswig-Holstein setzte dabei auf vier Säulen – mit sehr unterschiedlicher Stärke. Neben dem Sitz für die Spitze der Landesregierung in Lindewitt (Tarnname „Ludwig“) gab es eine weitere Einrichtung im sieben Kilometer nördlich gelegenen Schafflund unter dem Namen „Samuel“ für die Abgeordneten des Landtages. Eine Trennung zwischen Landesregierung und Landtag, wie sie beispielsweise auch in Baden-Württemberg mit zwei verbunkerten Ausweichsitzen praktiziert wurde.

Von Lindewitt 30 Kilometer nordwestlich lag die Anlage „Wilhelm“ für rund 200 Mitarbeiter der Ministerien für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten sowie Kultus. Das Ausweichquartett komplettierte Richtung Osten in 12 Kilometern Entfernung der vierte Landesausweichsitz „Simon“ – für rund 150 Personen, vorzugsweise aus den Ministerien für Wirtschaft und Verkehr sowie Soziales – der Ursprung verbunkerter Evakuierungspläne Schleswig-Holsteins. Bei der kriegstauglichen Qualität gibt es aber gravierende Unterschiede, je nach Bauzeit und Einrichtung – vom besser ausgestatteten Kellerraum bis zum „Spitzenobjekt“ in Lindewitt.

Das war, als Eingeschosser mit einer Außenlänge von 41 mal 34 Metern, in die norddeutsche Heimaterde eingelassen und für 206 Menschen ausgelegt, die in 73 Räumen arbeiten und wohnen konnten. Das Zimmer mit der Nummer 36 war dem Ministerpräsidenten vorbehalten, 30 Meter hinter einem von zwei Zugängen mit Dekontaminierungsschleuse und Wache. Der Raumplan endete mit der Nummer 73, einem großen Zimmer für die Staatskanzlei, die sich ihr Kriegsrefugium allerdings mit der bunkerinternen Dateneinheit „Gambo“ teilen musste – quasi dem elektronischen Hirn, dessen weitere Anschlüsse die wichtigsten Zimmer kommunikativ mit der Welt vor der Tür verband.

Bunker-Schlüsselbrett (in der Wache Raum 45).

Gearbeitet wurde zu zweit auf einem Zimmer, geschlafen in Einzelzimmern (Ministerpräsident und Minister), in 2-Bett-Zimmern (Staatssekretäre), zu viert (Regierungsbeamte und Stabschefs), zu sechst (höhere Beamte und Angehörige der Verbindungsstäbe), in 8-Bett-Zimmern (Schreibkräfte, Angehörige der Bundespost und des Bundesgrenzschutzes) und sogar mit 16 Bewohnern auf einem Zimmer (Betriebspersonal, so Elektriker oder Köche). Auch für den nördlichsten Ausweichsitz einer Landesregierung galt: Keine Spur von Luxus, denn, wie der ehemalige Bundesinnenminister Prof. Dr. Ernst Benda vor wenigen Tagen in einem Interview feststellte, galt auch hier: „Man soll sich ja an einem solchen Ort nicht wohl fühlen!“

So zog denn das Land Schleswig-Holstein im Rhythmus der großen Kommandostabsübungen alle zwei Jahre Richtung nichtluxuriösen Schulkomplex nach Lindewitt und nahm die knapp 100 Kilometer von Kiel Richtung Norden auf sich, um den Kriegs- und Krisenfall zu üben.

Der lange Schatten der Landesregierung Schleswig-Holstein auf Bonner Unterwelten

Die Entscheidung für die Errichtung seines Ausweichsitzes fiel früh, denn mit Baubeginn 1960 wurde anderswo noch geplant oder debattiert. Und auch mit der Außerdienststellung 1993 zählte das Land zu den längsten Bunker-Betreibern der Bundesrepublik.

Strategisches Bunkerquartett der Landesregierung Schleswig-Holstein, die an vier Orten abgetaucht wäre und ihren Ausweichsitzen die Decknamen „Wilhelm“, „Samuel“; „Ludwig“ und „Simon“ gab.

Doch mit Blick in die Kriegsplanung des Bundesinnenministeriums aus den Jahren 1958 und 1959 wundert diese Vorsicht nicht: Dieser Landesteil war wegen starker Flüchtlingsströme Richtung Norden als eine der wichtigsten Ausweichrouten der Zivilbevölkerung klassifiziert. Die dann allerdings dem Militär im Wege gestanden hätten. Und so kam bereits mit der ersten Übung 1966 aus dem Ausweichsitz der Bundesregierung der Befehl, verstopfte Brücken in diesem Zipfel Norddeutschlands „freizuschießen“. Ein Szenario, das ab dann seinen festen Platz in den Drehbüchern (West) des 3. Weltkrieges hatte und unter anderem eine „Landesregierung üb“ (übungshalber) veranlasste, ihren Platz unter der Schule in Lindewitt vorzeitig zu verlassen. „So nicht“, hallte es aus dem hohen Norden, der ankündigte, den Kriegsspielen so lange fern zu bleiben, bis diese Einlage abgestellt werde. Dann verschwand die Passage kurz vor Ende des Kalten Krieges tatsächlich aus den Drehbüchern des Bundes.

1984 erneuerte das Land Schleswig-Holstein die gesamte Fernmeldetechnik seines Ausweichsitzes.
1984 erneuerte das Land Schleswig-Holstein die gesamte Fernmeldetechnik seines Ausweichsitzes.

Auf der Zielgeraden des Bunkers in Lindewitt ist zur Wende 1989 der ehemalige Ministerpräsident Stoltenberg Bundesminister der Verteidigung – und hätte einiges zu sagen gehabt im Bunker der Bundesregierung. Landeschefin in Kiel ist Heide Simonis. Ausgerechnet sie half Jahre zuvor einem Journalisten, den staatsgeheimen Haushalt um den Regierungsbunker an der Ahr zu durchforsten – eine tatsächlich konspirative Angelegenheit mit welchen Folgen auch immer, hätte es jemand mitbekommen. Ihr Vorgänger Björn Engholm war sogar „Bundeskanzler üb“ im Regierungsbunker, also der höchste Mann in der staatsgeheimen Bonner Unterwelt bei einer Übung.

Einer aus dieser Chronik der Landesfürsten Schleswig-Holsteins, Kai-Uwe von Hassel, war es nach seinem Wechsel nach Bonn wiederum, der zur ersten großen Übung 1966 als Bundesminister der Verteidigung in den Regierungsbunker an der Ahr einzog.

Bei grellem Sonnenschein landete sein Alouette-Hubschrauber am Bunkerzugang Ost/Ost bei Ahrweiler. Er selbst und sein Gepäck wurden verladen auf dem Anhänger eines Elektrokarren. Der Herr Minister hatte es tatsächlich geschafft, von der Bundeshauptstadt bis in sein Bunkerzimmer tief unter dem Kuxberg keinen Meter zu Fuß zurücklegen zu müssen. Das Gespann chauffierte am 19. Oktober 1966 zur besten Mittagszeit über das Areal vor dem Bunker und verschwand im Zugangsbauwerk 123 – dort, wo heute Besucher vom Parkplatz Richtung Museum pilgern. Ein Norddeutscher und sein feines Bunkergespür: Unter seiner Kieler Regierung wurde der Bunkerbau zu Lindewitt beschlossen.

Für die inhaltliche Unterstützung geht ein herzlicher Dank an Timo Lumma vom Verein „unter Schleswig-Holstein“.

(Stand: 13.7.2008)